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Abschottung | Schutz | Überwindung

Ein Fotoprojekt zum Thema Mauer für das Jubiläum zur friedlichen Revolution 2019 von Dorothea Brandt


Hören wir das Wort „Mauer“, fallen einem ganz verschiedene Bezüge ein, wie alte Burgen oder die eigenen vier Wände.
Manch einer hat vielleicht die Rufe von politischen Strömungen oder Staatsoberhäuptern im Ohr, welche Mauern errichten wollen. Und schließlich wissen wir auch um eigene Mauern, die wir in uns tragen und mit und denen wir uns bewusst - und auch unbewusst -auseinandersetzen.
So erfährt der Begriff „Mauer“, ausgehend von dem historischen Ereignis 1989, einen Wandel von der geschichtlicher Tatsache hin zum biografisch, essentiellen Thema, das jeden Menschen angeht. Wo sind meine Mauern? Wen lasse ich an mich ran? Wie weit kann ich mich öffnen? Gibt es Fenster, Türen oder Tore, um sie zu durchschreiten - oder braucht es einen Vorschlaghammer?

Zum Jubiläum der friedlichen Revolution 1989 und dem damit verbundenen Fall der Mauer zwischen der damaligen Bundesrepublik und der DDR befasst sich das Fotoprojekt
Abschottung | Schutz | Überwindung
mit der Thematik Mauer.
52 Teilnehmer aus Meiningen und näherer Umgebung werden sich der Herausforderung stellen und eine Antwort auf die Frage „Wie sieht es mit Mauern in deinem Leben aus?“ formulieren.
Die spannenden Antworten werden von Januar bis Dezember 2019 wöchentlich im Meininger Tageblatt und hier veröffentlicht.

„Oft haben wir sie. Manchmal wollen wir sie. Aber brauchen wir sie?
Wie sieht es mit Mauern in deinem Leben aus?“

Daniel Schmädicke:

Wenn ich Mauern um mich hätte könnte ich mich nicht umsehen - das macht mich blind. Ich möchte aber etwas mitbekommen und mich beteiligen. Die die sich nicht umsehen und Mauern errichtet haben - Leben einsam.

Melanie Fuhrmann:

Auf Mauern im eigenen Leben angesprochen, ergibt sich reflexhaft der schnelle Trotz, der scheinbar erwarteten Verurteilung zu widerstehen. Sicherlich, Mauern trennen, sperren aus und ein, schaffen Leid, sind grundsätzlich konstruiert. Aber eben auch das: Mauern schützen, ermöglichen eigenen Raum, stiften Identität. Also wo sich selbst verorten? Oder die eigentliche Frage - wo sind sie, die Mauern im eigenen kleinen Leben, ganz ohne global-historischen Rundumschlag? Dort: Da sterben die Jüngsten, weit hinter gedanklichen Mauern im Irgendwo, die eigene Handlungsmöglichkeit wird zugemauert. Man würde ja nicht fertig. Da sterben leidende Geschöpfe hinter hohen Mauern, damit das Pausenbrot schön rosa belegt bleibt. Je näher das Leid, desto höher die Mauer, sonst wäre es nicht zu ertragen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - außer, es wird zu unbequem. Dabei ist der Mensch so geschaffen. Geboren in körperliche Begrenztheit und die der eigenen Lebensdauer sind uns Grenzen und Mauern selbstverständlich. Und auf dem Altar der Individualität und Selbstbedeutung opfern wir panisch die Durchschnittlichkeit, um uns noch weiter abzugrenzen. Deshalb ist dies meine persönliche Lesart: Der Baum der Erkenntnis gewährt uns Selbst-Erkenntnis, der menschliche, unvermeidliche Makel liegt damit in der Abgesondertheit vom eigentlich Allumfassenden. Das ist theologisch wie phylogenetisch derselbe Schuh. Was bleibt, ist die tiefe Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Ort, an dem alles seinen Platz hat, ohne Grenzen, ohne Mauern. Der Mensch stellt vielleicht deshalb neue Verbindungen her, die digitale Entwicklung entspricht dem Bedürfnis einer vollständigen Aufhebung trennender Faktoren, Individualität besteht neben dem tiefen Wunsch nach Gleichheit ("Alle Menschen werden Brüder…"), man hört mancherorts sogar den Ruf nach der Überwindung des trennenden Geschlechts. Damit überwinden wir aber nicht das biologische Leben an sich, das Grenzen grundsätzlich vorsieht. Ich bleibe ratlos: Grenzen und Mauern sind unlösbar an unsere physische Existenz geknüpft, sie niederreißen zu wollen, scheint nur als Utopie tragbar. Oder vielleicht liegt genau darin eine Möglichkeit - Mauern als Teil des Lebens zu akzeptieren, aber unablässig zu überprüfen, welche Mauern tatsächlich gesetzt sind und welche wir aus moralischer Faulheit errichtet haben.

Andreas Kowalczyk:
So sehr ich es mir wünsche behaupten zu können, es gäbe keine Mauern in mir oder in meinem Leben, ist mir gleichzeitig bewusst wie töricht diese Behauptung wäre. Ich versuche jegliche Mauern so sorgfältig wie möglich einzureißen, um meinen Mitmenschen genau das zu ermöglichen, was ich doch so gerne von ihnen erwarten würde. Tatsächlich muss ich oft feststellen, dass die Mauern, welche sich in mir aufziehen eine Reaktion auf jene sind, welche mir von meinen Mitmenschen in den Weg gestellt werden. Baut man keine Mauern in sich auf, liefert man sich seinem Gegenüber schutzlos aus, wie es scheint. Für mich persönlich ist dieses „Sich-Ausliefern“ zunächst eine Eigenschaft, welche zwar Mut erfordert aber mehr positives Potenzial mit sich bringt als sich zu verschanzen. Kann man jedoch mit den vermeintlich negativen Folgen für einen selbst leben oder Leben lernen? Sie als einen Teil des Risikos akzeptieren? Schmerz, Verzweiflung, Verunsicherung, Demütigung und letztendlich auch Angst? Hat die Vergangenheit uns nicht gezeigt, dass der Fehler nicht im Zulassen, der Neugier und dem Versuchen, sondern eben in der Isolierung selbst liegt, in dem Misstrauen und der Angst vor dem Unbekannten und Ungemütlichen, nicht in der Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz die man versucht anderen entgegen zubringen?! Die Angst wird es sein, sie war es vermutlich schon immer. Diese gepaart mit Eitelkeit und vielleicht auch Neid.
Mauert man sich also lieber in seine Eitelkeit ein, aus Angst vor Einflüssen der Anderen? Wer schützt einen jedoch vor der Macht der eigenen Irrungen und Wirrungen? Die Frage hier: was davon ist destruktiver …? Wie pflegt also jeder für sich mit Mauern umzugehen?Dort habe ich für mich, so wie jeder für sich selbst, wenigstens die Wahl zwischen einem geschlossenen System, einem Konstrukt um sich sicher zu fühlen (fügen) oder der vielfältigen Anarchie der Eindrücke, Überraschungen und Emotionen. Nutzen wir heute die Möglichkeiten uns gegen Mauern einzusetzen, welche uns und andere in unserem Zusammenleben und Kennenlernen hindern und zwischen uns gesetzt werden? Leben wir tatsächlich in einer Welt, in der unsereins mit dem Flieger jegliche Mauern und Widrigkeiten meint überfliegen zu dürfen um von dem so „….Leben“ zu pausieren, weil der Wohlstand es uns gewehrt und anderen dieses Privileg vorzuenthalten, selbst wenn nur ein kleines Stück von dem Honigkuchen an andere in Not abzugeben reichen würde? Ist das Privileg unserer Freiheit tatsächlich der Käfig der anderen? Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass wir durch einen glücklichen Zufall auf einen privilegierten Teil des Planeten namens Deutschland gesetzt wurden. Ist es gerechtfertigt auf etwas stolz zu sein oder etwas zu beanspruchen, das nicht aus eigener Kraft, Schweiß und Tränen geschaffen wurde sondern zu einem großen Teil auf dem Schmerz, Verlust und Leid anderer, auch derer Benachteiligter innerhalb unserer Ländergrenzen aufbaut? Können wir uns tatsächlich erlauben jenen Hass und Ablehnung entgegen zu bringen, die ihre Heimat, Familie und ihr Leben aus Not auch dank uns, denen es hier am nötigen zum Leben nicht fehlt, dank unserer eifrigen Geister, fleißigen Hände und Unersättlichkeit in Schutt und Asche zurücklassen mussten? Für wen, was oder wie wichtiger halten wir uns also Mauern zu errichten im Geiste, wie auch im Raum gegen Menschen, die genauso hätten wir sein können? Mauern zwingen uns an Dingen festzuhalten zu müssen. Bei jedem Mal, wenn ich über genau diese Dinge nachdenke und das ist offen gesagt in diesen Zeiten sehr häufig, muss ich viele Mauern überwinden, so als wäre es ein permanentes Klettern im Verstand und im Herzen…. Ein sehr mühsames und widriges zugleich.

Ilona Schimoneck:

Nirgendwo fühle ich mich so sicher, wie innerhalb meiner eigenen vier Wände, im Übertragenen innerhalb meiner eigenen „Schutzmauern“. Hier kenne ich alles, hier fühle ich mich geborgen, habe nur die um mich, denen ich Einlass gewähre, mit denen ich mich wohl fühle.
Doch bleibe ich zu lange innerhalb meiner eigenen Mauern, bekomme ich einen Budenkoller, mir fällt „die Decke auf den Kopf“. Deswegen ist es so wichtig, dass die Mauern Türen und Fenster haben, damit ich hinausgehen kann, über den eigenen Tellerrand schauen, Neues entdecken kann. Nur so bleibt das Leben bunt und aufregend.

Lenka Kovac:

Als Kind habe ich viel über eine unendliche Stacheldrahtmauer, die ganz nah an unserem Wohngebiet (in Bratislava, Slowakei) war, gehört. Erst später habe ich ihre wirkliche Bedeutung verstanden. Erst später habe ich verstanden, dass ich kleiner Zeuge eines Happy Ends - des Falls der Mauer wurde. So wurde es immer bei uns zu Hause empfunden. Die vielen unglücklichen Schicksale, die vielen Geschichten und dann diese unglaubliche bewegende Atmosphäre, die aus den friedlichen Menschenmassen strömte - auf der Straße, zu Hause, in der Schule, in der Kirche, bei Freunden - überall. Mit 10 habe ich nur sehr wenig verstanden, trotzdem hat sich das Ganze auf mich als Kind übertragen. Eins war bei uns zu Hause klar, wenn diese Mauer fällt, wird alles anders - frei. Meine Eltern haben uns Kindern immer die Dankbarkeit für die Freiheit eingeprägt - trotzdem, dass Vieles anders wurde als man sich es vorgestellt hat. Man hat die freie Wahl und kann freie Entscheidungen treffen. … Dafür bin ich dankbar. Und ob wir die Mauern brauchen? Es werden heute wieder viele Mauern gebaut - die aus Draht aber auch die Unsichtbaren in uns - in mir. Als ob wir sie immer wieder bräuchten, um sie dann in einem Kampf wegen der Unfreiheit, Engheit und der Einschränkung wieder fallen zu lassen, um uns auf dieses Freiheitsgefühl immer wieder erinnern zu können, da wir es so schnell vergessen …
ps. In meiner Heimat stehen seit ein paar Monaten wieder Menschenmassen auf den Straßen wie damals vor 30 Jahren und kämpfen friedlich für die Freiheit und Anständigkeit im Land, die ihnen langsam von ein paar Mächtigen geraubt wird …