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Abschottung | Schutz | Überwindung

Ein Fotoprojekt zum Thema Mauer für das Jubiläum zur friedlichen Revolution 2019 von Dorothea Brandt


Hören wir das Wort „Mauer“, fallen einem ganz verschiedene Bezüge ein, wie alte Burgen oder die eigenen vier Wände.
Manch einer hat vielleicht die Rufe von politischen Strömungen oder Staatsoberhäuptern im Ohr, welche Mauern errichten wollen. Und schließlich wissen wir auch um eigene Mauern, die wir in uns tragen und mit und denen wir uns bewusst - und auch unbewusst -auseinandersetzen.
So erfährt der Begriff „Mauer“, ausgehend von dem historischen Ereignis 1989, einen Wandel von der geschichtlicher Tatsache hin zum biografisch, essentiellen Thema, das jeden Menschen angeht. Wo sind meine Mauern? Wen lasse ich an mich ran? Wie weit kann ich mich öffnen? Gibt es Fenster, Türen oder Tore, um sie zu durchschreiten - oder braucht es einen Vorschlaghammer?

Zum Jubiläum der friedlichen Revolution 1989 und dem damit verbundenen Fall der Mauer zwischen der damaligen Bundesrepublik und der DDR befasst sich das Fotoprojekt
Abschottung | Schutz | Überwindung
mit der Thematik Mauer.
52 Teilnehmer aus Meiningen und näherer Umgebung werden sich der Herausforderung stellen und eine Antwort auf die Frage „Wie sieht es mit Mauern in deinem Leben aus?“ formulieren.
Die spannenden Antworten werden von Januar bis Dezember 2019 wöchentlich im Meininger Tageblatt und hier veröffentlicht.

Gabriela Velasquez:
Wenn ich das Wort „Mauer“ höre, denke ich an die „Schutzmauern“ der Mutter, die sie um ihre Kinder baut. Mütter glauben, dass ihre Kinder sehr empfindliche und verwundbare Menschen sind. Da das Leben auch zahlreiche negative Erfahrungen mit sich bringt, die den Kindern schaden könnten, versuchen ihre Mütter verschiedene unsichtbare Schutzmauern um sie herum zu bauen.
Genau so habe ich es in meiner Kindheit und Jugend mit meiner Mutter erlebt. Sie hat zu meinem Schutz viele Regeln aufgestellt, durch die ich mich wie durch eine Mauer eingeschränkt gefühlt habe. Zum Beispiel hat sie alle Entscheidungen für mich getroffen.
Irgendwann habe ich mich dazu entschlossen, auszuziehen und mein Leben in die eigenen Händen zu nehmen. Das war kein leichter Weg, aber nach vielen Versuchen und Erfahrungen habe ich die Schutzmauern meiner Mutter überwunden. Nach und nach habe ich gelernt meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Eine meiner wichtigsten Entscheidungen, die mir am meisten Glück und Freude gebracht hat, war die, von Venezuela nach Deutschland zu ziehen.
Nach vielen erlebnisreichen Jahren habe ich nun endlich den Zweck verstanden, wofür die Schutzmauern meiner Mutter da waren. Heute bin ich ihr dafür sehr dankbar, dass sie viel versucht hat, mich zu beschützen. Eine Bitte hätte ich allerdings an sie und alle Mütter, dass ihre Schutzmauern nicht so einschränkend sein, sondern auch Fenster und Türen haben sollten, damit Kinder früh die Gefahren des Lebens erkennen und lernen mit ihnen umzugehen.

Ivonne Fuchs:Wo gab es in meinem Leben Mauern?

In meinem Leben gab es tatsächlich immer dann Mauern, wenn ich mich vor unangenehmen Gefühlen schützen wollte. Egal, welcher Art. Das funktioniert an sich auch eine Weile ganz gut, am Ende ist es aber eine Sackgasse. Am Anfang geht dir die Mauer vielleicht bis zu den Knien, das ist kein Problem. Man fühlt sich stark und unschlagbar. Dann mauert man weiter und weiter. Später kann man gerade noch so drüber schauen. Aber irgendwann eben nicht mehr. Und dann hast Du ein Problem. Dann hockst du in deinem Tower, scheinbar sicher. Hast dich zwar abgeschottet von den ganzen unangenehmen und schmerzvollen Gefühlen. Aber die schönen Dinge, wie Liebe, Freude und Dankbarkeit kannst du dann eben auch nicht mehr erleben. Und das fühlt sich ziemlich leer an. Heute weiß ich, das schlimmste ist nicht Angst oder Traurigkeit. Das Schlimmste ist gar kein Gefühl zu haben. Und wie sollen wir denn wissen, was Freude ist, wenn wir nicht vorher geweint haben?

Caroline Simon:
Mauern bedeuten für mich in erster Linie Abschottung nach außen. Manchmal empfinde ich diese Abschottung als sehr wohltuend und beruhigend, genieße es, Zeit für mich allein zu haben und mich ungestört der Musik zu widmen, neue Ideen zu sammeln oder einfach abzuschalten...
Ich liebe es, mit Musik zu experimentieren. Dafür brauche ich Ruhe und Zeit. Es gibt wunderschöne Instrumentalversionen im Internet, die es mir ermöglichen, aus einem bekannten Lied etwas völlig neues zu machen...zum Beispiel hab ich aus Michael Jackson‘s „The way you make me feel“ eine Jazzversion gemacht. Dabei veränderte ich teilweise die Melodie und spielte mit Tempo und Rhythmus. Das Ergebnis hat mir sehr gut gefallen. Man hörte nicht gleich, um welches Lied es sich handelte, obwohl es vertraut schien. In solchen Momenten bin ich so vertieft, dass ich alles um mich herum vergesse.
Dann sind die Mauern, die ich um meinen Rückzugsbereich errichte, so massiv, dass ich von meiner Außenwelt nicht mehr viel mitbekomme. Daher wäre wohl ein Fenster sinnvoll, durch das man schauen oder sogar ab und an klettern kann - in beide Richtungen.
Ich glaube, wichtig ist, diese Mauern niemals zu fest zu errichten, damit sie keinen endgültigen Charakter bekommen. Mauern müssen oder dürfen sich verändern, sollen erweiterbar sein, können Schutz und Geborgenheit vermitteln und sollen bunt sein...mit jeder Menge Schlupflöchern.

Angelika Schmidt:
Ich verstehe und erlebe Mauern ganz unterschiedlich.
Als ein Betrieb von Bauarbeitern, die Häuser, Brücken oder Steinwände bauen. Mauern kann auch sein, wenn man etwas angestellt hat und dann hofft, dass es nicht heraus kommt. Mauern können sehr hoch sein. Da denke ich an, Eltern, die mehr wollen als man selbst möchte. Mauern kann Mobbing sein - wenn ein Mitschüler gegen einen anderen ausfallend wird und sich der Betroffene keiner Person anvertrauen kann, möchte und sich zurück zieht und mauert.
Eine Mauer kann eine Krankheit sein, die man erfahren kann und einer vertrauten Person nicht erzählen möchte. So erging es mir. Die Diagnose war überraschend und ließ mich erstarren. Ich zog mich mehr und mehr in mich zurück und konnte mich erst langsam meinem Mann anvertrauen. Zum Glück gelang mir das!

Tino Bender:
Ein Gast betritt das Restaurant. Er kennt meinen Arbeitsplatz nicht und ich kenne ihn nicht. Da ist sie - die Mauer des Fremden. Ich überwinde sie ganz leicht, weil ich ihn offen anschaue und ihn herzlich willkommen heiße, ihm einen Platz anbiete und die Karte bringe. Ein erster Schritt ist getan, um die Fremdheit zu überwinden und einander begegnen zu können.
Ich denke, dass Mauern sehr oft im Kopf entstehen. Mich begleiten diese schon mein ganzes Leben. Meistens sind sie hoch und scheinen unüberwindbar, oft sind sie niedriger und scheinen leichter zu überwinden. Es gilt für mich, diese Mauern an jedem Tag in meinem Leben zu bezwingen, wobei es manchmal Tage, Monate oder Jahre dauert, dies zu schaffen. Dabei hilft mir immer wieder, die Mauer auch von der anderen Seite zu betrachten.
Die Zeit allerdings zeigt mir, dass jede noch so hohe Mauer überwunden werden kann. Im Moment ist die Zeit noch auf meiner Seite - mal schauen, was das Leben noch so bringt und welche Mauern ich noch überwinden muß oder will.

Andreas Holz:
Da ich über 25 Jahre durch ein politisches System dazu gezwungen wurde, mir nur eine Seite einer „Mauer“ anschauen zu können besser gesagt zu müssen, habe ich mit teilenden Mauern große Probleme. Die Freiheit, für mich mein höchstes Gut, wurde mir so genommen. Aber andere Mauern schützen, wie die alte Stadtmauer, an der ich in Meiningen groß geworden bin und die unser Haus vor Hochwasser schützte und mich davor als kleines Kind in den Mühlgraben zu fallen.
Auch schützen große Hafen-und Kaimauern das dahinter liegende Land und die daran festgemachten Schiffe vor Sturmfluten und abtreiben. In diesen Fällen sind Mauern für die, die an Ihnen leben sehr wichtig und gut. Nur mit Mauern in den Köpfen mancher Leute kann ich überhaupt nicht umgehen und frage mich, wie kann man auch diese Mauern „einreißen".

Dolores Fritz
In Grenznähe aufgewachsen und mit Verwandtenbesuchen im Meininger Grenzsperrgebiet und Berlin verbindet sich der Begriff Mauer schon seit meiner Kindheit mit Verbotsschildern, Bedrohung und Freiheitsbeschränkung. Als Kind durfte ich in meinem Heimathaus nicht auf der hohen Stützmauer am Grundstück herumklettern, es war zu gefährlich. Der Weg zur Schule führte an einer langen Fabrikmauer vorbei mit Verbotsschildern an den Eingängen. Das entscheidende Ereignis war aber am 13. August 1961. Zurück von einem Spaziergang mit meiner Münchner Tante auf dem Meininger Panoramaweg empfing uns der Opa mit den Worten „Ulbricht baut in Berlin eine Mauer“. Ich hatte sofort Angst, dass meine Tante nun nicht mehr nach Hause fahren darf und ich nie wieder nach Berlin kann. Wenige Jahre später sah ich die Mauer mit eigenen Augen und ich zog sogar mit meiner Familie in die Nähe von Berlin. Bei allen Stadtbesuchen mit der S-Bahn führte der Weg entlang dieser Mauer. Sie war überall präsent. Den Drang nach Freiheit stillte ich mit Blicken vom Fernsehturm oder Hochhäusern nach Westberlin, hinweg über den „antifaschistischen Schutzwall“ wie die Mauer propagandistisch in der DDR genannt wurde. Bei meinen Besuchen im Sperrgebiet sehe ich noch heute gleich nach Meiningen in Richtung Sülzfeld das Warnschild und die immer höher werdenden Grenztürme und vorverlegten Stacheldrahtzäune.
Mit der Grenzlockerung in Ungarn im August 1989 nutzten mein Mann und ich sofort die Chance zur Flucht. Über Polen und die Tschechoslowakei ging es nach Ungarn. Das Geräusch beim Durchtrennen des Stacheldrahtes (die Grenze war noch bewacht und nicht abgebaut) ist bei mir bis heute das Signal für Freiheit.
Jetzt unternehme ich mit meinem Mann von Meinigen aus Wanderungen auf dem ehemaligen Grenzweg, noch immer ein Gefühl von Freiheit.

Friedemann Höser:
Den Mauerfall vor 30 Jahren betrachte ich als eines der größten Wunder, die ich erlebt habe. Vor allem die Tatsache, daß alles friedlich verlief, empfinde ich nach wie vor als Grund zur Dankbarkeit. In diesem Zusammenhang haben Mauern natürlich einen negativen Beigeschmack. Für mich sind sie allerdings nicht per se etwas Schlechtes. Menschen sind ständig verschiedenen Angriffen ausgesetzt. Mauern können meinem Schutz dienen und sind in dieser Funktion sogar wichtig. Gottes Aussagen über mich empfinde ich als solche Schutzmauern. Als jemand, der Jesus als seinen Herrn angenommen hat, bin ich Gottes Kind, gehöre ich zu Gottes Familie, weiß ich, daß Gott mich liebt. ER hat gute Dinge für mein Leben hier vorbereitet und ich werde die Ewigkeit danach bei IHM verbringen. Diese Tatsachen erlebe ich als Schutzmauern gegen Angriffe und deshalb tue ich etwas, um sie mir sowohl gegenwärtig als auch intakt zu halten.
Natürlich können Mauern auch einengend sein und mich zu einem Gefangenen machen. Jesus Christus ist gekommen, um uns in Freiheit zu führen, auch um Mauern in uns niederzureißen. Wenn ich gemäß Seinem Wort lebe, garantiert ER mir Freiheit. Wenn ich dagegen Seine Hinweise mißachte, z.B. Vorurteile pflege statt andere anzunehmen, Menschen verurteile und ablehne statt ihnen zu vergeben, mich nur um mich selber drehe statt meinem Nächsten Gutes zu tun, wachsen wieder neue einengende Mauern in mir. Letztlich baue ich sie selbst. Davor möchte ich mich hüten und auch andere warnen.
Manchmal erlebe ich auch erziehungs- oder gesellschaftsbedingte innere Mauern als Hindernisse auf meinem Weg. Sofern ich mir sicher bin, in der von Gott für mich vorgesehenen Richtung unterwegs zu sein, ist mir dann Psalm 18,30 wichtig: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Ich bemühe mich, das Unmöglichkeitsdenken zurückzudrängen und erbitte Seine Hilfe. Schließlich ist ER derselbe wie vor 30 Jahren und IHM ist wirklich nichts unmöglich.

Hans-Jürgen Herbst
„Die Arbeit hinter den Mauern“ - 1976-2017 tätig in der JVA Untermaßfeld
Mauern begegnete ich während meinen 41 Dienstjahren ganz nah - als Landesbeamter im Justizvollzug. Der Justizvollzug hat in der Gesellschaft eine Schlüsselfunktion. Seine Aufgabe ist nicht nur der Schutz der Gesellschaft vor Straftätern, sondern auch die Resozialisierung der Menschen, die straffällig geworden sind und zu einer Haftstrafe verurteilt wurden. Ich erlebte, dass ein und dieselbe Mauer von zwei Seiten aus betrachtet und erfahren werden kann. Ich war und bin auf der Seite der Mauer, in der Gesellschaft und frei, kann gehen wohin ich mag und meine eigenen Interessen verfolgen. Jeden Tag wechselte ich zwischen den Welten durch das Tor hin und her. Die Inhaftierten könnten diese Mauer nicht überwinden und sind zum Schutz der Gesellschaft aus gutem Grund auf dieser Seite. Sie sind nicht freiwillig im Gefängnis und haben in ihrem sozialen Umfeld oftmals Konflikte nur mit Gewalt oder Aggressivität lösen können. Manche dieser Verhaltensmuster behielten sie auch im Gefängnis bei. Der herausfordernde Gefängnisalltag war und ist darauf ausgelegt, Straftäter wieder und die Gesellschaft entlassen zu können. Beamte, Lehrer, Handwerksmeister, Sozialpädagogen, Psychologen und Ärzte arbeiten gemeinsam daran, dass aus jenen, die hinter den Gefängnismauern sitzen, wieder Personen werden, die eines Tages ebenfalls durch das Tor gehen können. Auf die andere Seite - in ein selbstbestimmtes Leben.

Inge Sauer:
Ich bin sehbehindert (Glaukom) und bin auf fremde Hilfe angewiesen. In meiner Wohnung kenne ich mich aus, fühle mich sicher und auch sehr wohl. Mit Hilfe der Familie, guten Freunden und Bekannten ist mir ein weitgehend selbstständiges Leben möglich.
Ich würde mir wünschen, dass Berührungsängste für alle Menschen kein Thema sind und ich auf der Straße oft angesprochen werde. Ein lieber Besuch, ein schönes Gespräch und Musik helfen auch über aufkommende Einsamkeit hinweg. Es gibt mir auch Kraft, abseits des Lärms und der Hektik der Zeit, innere Ruhe zu finden und Auszeiten zu genießen.

Frank Müller:
Ich glaube, bei jedem gibt es irgendeine Form von Mauern. Welche, die man überwinden möchte, aber nicht kann – aus welchen Gründen auch immer – und welche, die man sich selber baut, um sich zu schützen. Auch ich habe verschiedene Mauern. Eine ist mein Glauben, ich bin katholisch. Ich wurde getauft, hatte Kommunion und Firmung, war 10 Jahre lang Ministrant. Bei uns wurde die katholische Glaubensausrichtung sozusagen in die Wiege gelegt. Ca. 75 % meiner Geburtsstadt waren damals katholisch. Ich wurde also katholisch erzogen und auch unterrichtet. In der Kirche hatten alle ihren Platz. Anfänglich Männer auf der einen Seite, Frauen auf der anderen Seite. Mit den Jahren wurde es dann gemischter. Entweder war jeden Samstag am Abend oder Sonntag am Morgen Kirche. Das war so etwas wie Pflicht. Wer nicht kam, über den wurde geredet.
Jetzt bin ich selbst Familienvater und meine ganze Familie – außer mir – ist evangelisch. Ich sehe es nicht so streng mit dem wöchentlichen Kirchgang. Wenn wir die Zeit dafür haben, gehen wir in die Kirche und wenn die Kinder oder ich einmal keine Lust oder Zeit haben, dann eben nicht. Wir haben unseren angestammten Platz und sind in der evangelischen Kirchgemeinde angekommen. Ich wurde auch schon gefragt, ob ich mich für den Kreiskirchenrat aufstellen lassen wolle. Aber ich bin ja katholisch… Also geht das nicht. Meinen Glauben ändern und evangelisch werden? Das kam für mich nie in Frage. Auch wenn ich in vielen Bereichen die Ansichten der katholischen Kirche nicht teile, käme ich mir dabei verloren vor. Ich fühle mich meiner Mutter gegenüber verpflichtet. Sie kam aus einem katholischen Elternhaus und hat mich katholisch erzogen. Mittlerweile ist sie schon lange verstorben, aber ich denke irgendwie immer noch, sie würde das nicht gut finden, wenn ich plötzlich evangelisch werden würde. Für mich gibt mir mein Glaube manchmal Schutz und manchmal Hoffnung. Ich denke zwar, dass es egal ist, welchen Glauben man hat, Hauptsache man hat einen Glauben, aber wechseln würde ich meinen Glauben nicht.

Ibrahim Bajo:

Bevor ich nach Europa kam, dachte ich dass es Mauern nur bei uns gäbe. Leider musste ich die Erfahrung machen, dass dies nicht der Fall ist. Auf meinem Weg erkannte ich, dass Mauern und Grenzen nicht nur aus Beton und Stacheldraht bestehen, sondern auch aus Gedanken in den Köpfen der Menschen, und dass das noch viel schlimmer ist. Viele Leute finden es sehr schwer, sich gegenüber Menschen, die nicht wie sie sind, zu öffnen. Sie bauen unsichtbare Mauern zwischen sich und den „Anderen“ auf, die oft zu Hass und Leid führen. Solche Mauern zu brechen ist viel schwerer als eine Mauer aus Stein abzureißen und auch viel wichtiger.

Daher versuche ich anhand meiner Musik diese Mauern zu durchbrechen. Die Musik kennt bekanntlich keine Grenzen, was ich auch in meinem Alltag erleben darf. Am Theater, zum Beispiel, finden sich Musiker/innen aus der ganzen Welt auf einer Bühne zusammen um Musik von Komponisten aus verschiedenen Ländern und Epochen zum Leben zu erwecken. Die unterschiedlichen Kulturen und Sprachen spielen hier eine bereichernde, positive Rolle. Es ist ganz selbstverständlich, in einer Fremdsprache zu singen oder Musik aus dem Ausland zu spielen.

Mein Ziel ist es, zusammen mit Künstlern jeglicher Herkunft Musik zu machen. In meiner Band, Syriab, sind zurzeit unter anderem sowohl syrische als auch deutsche Musiker/innen, die ein bunt gemischtes deutsch-arabisches Programm spielen. Die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Musikrichtungen die die einzelnen Künstler gewöhnt sind kommen so auf interessante Art und Weise zusammen, was für alle eine völlig neue und bereichernde Erfahrung ist. Genau dieses gemeinsame Lernen und Schaffen ist es, das unsere inneren Grenzen zerbricht.

Suasanne Klapka:

Ja, es gab Mauern in meinem Leben, Mauern in meinem Kopf - bestehend aus alten Glaubenssätzen und überholten Verhaltensmustern, weitergegeben über Generationen, einst zum Schutz entwickelt, aufgenommen und abgewandelt; bewusst oder unbewusst... Sie hemmten meine Gedanken, mein Handeln, ließen mich so manche Fehlentscheidung treffen und hinderten mich oft daran, das zu tun, was ich persönlich für richtig hielt und das zu fühlen, was ich wirklich empfand.
Mit Hilfe von Hypnose konnte ich diese Mauern in meinem Kopf zum Einsturz bringen. Die Hypnose führte mich durch verschiedene Räume. In manchen schienen die Wände wie bedrohlich eng stehende Mauern, zwischen denen schmerzliche Erinnerungen gefangen waren. Andere wieder gaben mir die Chance, sie so einzurichten, wie ich es mir erträumen würde. Dann waren sie hell und warm und weit. Aber hinter allem stand stets die Aufgabe, den Raum wieder zu verlassen, eine Tür zu finden, die mich weiterführen würde; nie wissend, was mich erwartete. Schließlich trat ich durch eine letzte Tür. Kein weiterer Raum, keine Mauer. Vor mir öffnete sich der Blick in eine traumhafte Landschaft. Ich stand auf einer Veranda, warmer Wind streichelte mein Gesicht; ich fühlte mich so glücklich und befreit. Ein schmaler, sandiger Pfad führte zwischen Palmen und exotischen Blumen in die Ferne und lud mich ein, den ersten Schritt zu tun. Was soll ich sagen? Ich bin auf dem Weg.

Sabine Rau:

„Oft haben wir sie. Manchmal wollen wir sie. Aber brauchen wir sie?
Wie sieht es mit Mauern in deinem Leben aus?“

Wir werden alle frei von Mauern geboren. Sie werden uns teilweise anerzogen, teilweise bauen wir sie selber auf. Manche brauchen wir, sie geben uns Sicherheit, vermitteln Geborgenheit. Innerhalb dieser Mauern kennen wir uns aus, müssen uns nicht täglich hinterfragen. Andere Mauern bekommen wir aufgebürdet - zum Beispiel Vorurteile, die uns eine freie Sicht auf die Welt, auf die Menschen, die uns umgeben, auf Werte, die unser Handeln bestimmen, verwehren.

Ich versuche die Mauern, die auch ich in mir trage, zu hinterfragen und diejenigen zu identifizieren, die mein Leben verkomplizieren, die nur eine scheinbare Sicherheit vermitteln, Kräfte eher lähmen. Es ist eine zunächst anstrengende Auseinandersetzung mit der eigenen Person, den eigenen Wünschen und Zielen, aber sie lohnt sich, denn hinter den Mauern öffnet sich der Blick für neue Wege und lohnende Perspektiven.
"Nichts ändert sich, bis du dich änderst und plötzlich ändert sich alles."
In diesem Sinne - trauen Sie sich.

Daniel Schmädicke:

Wenn ich Mauern um mich hätte könnte ich mich nicht umsehen - das macht mich blind. Ich möchte aber etwas mitbekommen und mich beteiligen. Die die sich nicht umsehen und Mauern errichtet haben - Leben einsam.

Melanie Fuhrmann:

Auf Mauern im eigenen Leben angesprochen, ergibt sich reflexhaft der schnelle Trotz, der scheinbar erwarteten Verurteilung zu widerstehen. Sicherlich, Mauern trennen, sperren aus und ein, schaffen Leid, sind grundsätzlich konstruiert. Aber eben auch das: Mauern schützen, ermöglichen eigenen Raum, stiften Identität. Also wo sich selbst verorten? Oder die eigentliche Frage - wo sind sie, die Mauern im eigenen kleinen Leben, ganz ohne global-historischen Rundumschlag? Dort: Da sterben die Jüngsten, weit hinter gedanklichen Mauern im Irgendwo, die eigene Handlungsmöglichkeit wird zugemauert. Man würde ja nicht fertig. Da sterben leidende Geschöpfe hinter hohen Mauern, damit das Pausenbrot schön rosa belegt bleibt. Je näher das Leid, desto höher die Mauer, sonst wäre es nicht zu ertragen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - außer, es wird zu unbequem. Dabei ist der Mensch so geschaffen. Geboren in körperliche Begrenztheit und die der eigenen Lebensdauer sind uns Grenzen und Mauern selbstverständlich. Und auf dem Altar der Individualität und Selbstbedeutung opfern wir panisch die Durchschnittlichkeit, um uns noch weiter abzugrenzen. Deshalb ist dies meine persönliche Lesart: Der Baum der Erkenntnis gewährt uns Selbst-Erkenntnis, der menschliche, unvermeidliche Makel liegt damit in der Abgesondertheit vom eigentlich Allumfassenden. Das ist theologisch wie phylogenetisch derselbe Schuh. Was bleibt, ist die tiefe Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Ort, an dem alles seinen Platz hat, ohne Grenzen, ohne Mauern. Der Mensch stellt vielleicht deshalb neue Verbindungen her, die digitale Entwicklung entspricht dem Bedürfnis einer vollständigen Aufhebung trennender Faktoren, Individualität besteht neben dem tiefen Wunsch nach Gleichheit ("Alle Menschen werden Brüder…"), man hört mancherorts sogar den Ruf nach der Überwindung des trennenden Geschlechts. Damit überwinden wir aber nicht das biologische Leben an sich, das Grenzen grundsätzlich vorsieht. Ich bleibe ratlos: Grenzen und Mauern sind unlösbar an unsere physische Existenz geknüpft, sie niederreißen zu wollen, scheint nur als Utopie tragbar. Oder vielleicht liegt genau darin eine Möglichkeit - Mauern als Teil des Lebens zu akzeptieren, aber unablässig zu überprüfen, welche Mauern tatsächlich gesetzt sind und welche wir aus moralischer Faulheit errichtet haben.

Andreas Kowalczyk:
So sehr ich es mir wünsche behaupten zu können, es gäbe keine Mauern in mir oder in meinem Leben, ist mir gleichzeitig bewusst wie töricht diese Behauptung wäre. Ich versuche jegliche Mauern so sorgfältig wie möglich einzureißen, um meinen Mitmenschen genau das zu ermöglichen, was ich doch so gerne von ihnen erwarten würde. Tatsächlich muss ich oft feststellen, dass die Mauern, welche sich in mir aufziehen eine Reaktion auf jene sind, welche mir von meinen Mitmenschen in den Weg gestellt werden. Baut man keine Mauern in sich auf, liefert man sich seinem Gegenüber schutzlos aus, wie es scheint. Für mich persönlich ist dieses „Sich-Ausliefern“ zunächst eine Eigenschaft, welche zwar Mut erfordert aber mehr positives Potenzial mit sich bringt als sich zu verschanzen. Kann man jedoch mit den vermeintlich negativen Folgen für einen selbst leben oder Leben lernen? Sie als einen Teil des Risikos akzeptieren? Schmerz, Verzweiflung, Verunsicherung, Demütigung und letztendlich auch Angst? Hat die Vergangenheit uns nicht gezeigt, dass der Fehler nicht im Zulassen, der Neugier und dem Versuchen, sondern eben in der Isolierung selbst liegt, in dem Misstrauen und der Angst vor dem Unbekannten und Ungemütlichen, nicht in der Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz die man versucht anderen entgegen zubringen?! Die Angst wird es sein, sie war es vermutlich schon immer. Diese gepaart mit Eitelkeit und vielleicht auch Neid.
Mauert man sich also lieber in seine Eitelkeit ein, aus Angst vor Einflüssen der Anderen? Wer schützt einen jedoch vor der Macht der eigenen Irrungen und Wirrungen? Die Frage hier: was davon ist destruktiver …? Wie pflegt also jeder für sich mit Mauern umzugehen?Dort habe ich für mich, so wie jeder für sich selbst, wenigstens die Wahl zwischen einem geschlossenen System, einem Konstrukt um sich sicher zu fühlen (fügen) oder der vielfältigen Anarchie der Eindrücke, Überraschungen und Emotionen. Nutzen wir heute die Möglichkeiten uns gegen Mauern einzusetzen, welche uns und andere in unserem Zusammenleben und Kennenlernen hindern und zwischen uns gesetzt werden? Leben wir tatsächlich in einer Welt, in der unsereins mit dem Flieger jegliche Mauern und Widrigkeiten meint überfliegen zu dürfen um von dem so „….Leben“ zu pausieren, weil der Wohlstand es uns gewehrt und anderen dieses Privileg vorzuenthalten, selbst wenn nur ein kleines Stück von dem Honigkuchen an andere in Not abzugeben reichen würde? Ist das Privileg unserer Freiheit tatsächlich der Käfig der anderen? Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass wir durch einen glücklichen Zufall auf einen privilegierten Teil des Planeten namens Deutschland gesetzt wurden. Ist es gerechtfertigt auf etwas stolz zu sein oder etwas zu beanspruchen, das nicht aus eigener Kraft, Schweiß und Tränen geschaffen wurde sondern zu einem großen Teil auf dem Schmerz, Verlust und Leid anderer, auch derer Benachteiligter innerhalb unserer Ländergrenzen aufbaut? Können wir uns tatsächlich erlauben jenen Hass und Ablehnung entgegen zu bringen, die ihre Heimat, Familie und ihr Leben aus Not auch dank uns, denen es hier am nötigen zum Leben nicht fehlt, dank unserer eifrigen Geister, fleißigen Hände und Unersättlichkeit in Schutt und Asche zurücklassen mussten? Für wen, was oder wie wichtiger halten wir uns also Mauern zu errichten im Geiste, wie auch im Raum gegen Menschen, die genauso hätten wir sein können? Mauern zwingen uns an Dingen festzuhalten zu müssen. Bei jedem Mal, wenn ich über genau diese Dinge nachdenke und das ist offen gesagt in diesen Zeiten sehr häufig, muss ich viele Mauern überwinden, so als wäre es ein permanentes Klettern im Verstand und im Herzen…. Ein sehr mühsames und widriges zugleich.

Ilona Schimoneck:

Nirgendwo fühle ich mich so sicher, wie innerhalb meiner eigenen vier Wände, im Übertragenen innerhalb meiner eigenen „Schutzmauern“. Hier kenne ich alles, hier fühle ich mich geborgen, habe nur die um mich, denen ich Einlass gewähre, mit denen ich mich wohl fühle.
Doch bleibe ich zu lange innerhalb meiner eigenen Mauern, bekomme ich einen Budenkoller, mir fällt „die Decke auf den Kopf“. Deswegen ist es so wichtig, dass die Mauern Türen und Fenster haben, damit ich hinausgehen kann, über den eigenen Tellerrand schauen, Neues entdecken kann. Nur so bleibt das Leben bunt und aufregend.

Lenka Kovac:

Als Kind habe ich viel über eine unendliche Stacheldrahtmauer, die ganz nah an unserem Wohngebiet (in Bratislava, Slowakei) war, gehört. Erst später habe ich ihre wirkliche Bedeutung verstanden. Erst später habe ich verstanden, dass ich kleiner Zeuge eines Happy Ends - des Falls der Mauer wurde. So wurde es immer bei uns zu Hause empfunden. Die vielen unglücklichen Schicksale, die vielen Geschichten und dann diese unglaubliche bewegende Atmosphäre, die aus den friedlichen Menschenmassen strömte - auf der Straße, zu Hause, in der Schule, in der Kirche, bei Freunden - überall. Mit 10 habe ich nur sehr wenig verstanden, trotzdem hat sich das Ganze auf mich als Kind übertragen. Eins war bei uns zu Hause klar, wenn diese Mauer fällt, wird alles anders - frei. Meine Eltern haben uns Kindern immer die Dankbarkeit für die Freiheit eingeprägt - trotzdem, dass Vieles anders wurde als man sich es vorgestellt hat. Man hat die freie Wahl und kann freie Entscheidungen treffen. … Dafür bin ich dankbar. Und ob wir die Mauern brauchen? Es werden heute wieder viele Mauern gebaut - die aus Draht aber auch die Unsichtbaren in uns - in mir. Als ob wir sie immer wieder bräuchten, um sie dann in einem Kampf wegen der Unfreiheit, Engheit und der Einschränkung wieder fallen zu lassen, um uns auf dieses Freiheitsgefühl immer wieder erinnern zu können, da wir es so schnell vergessen …
ps. In meiner Heimat stehen seit ein paar Monaten wieder Menschenmassen auf den Straßen wie damals vor 30 Jahren und kämpfen friedlich für die Freiheit und Anständigkeit im Land, die ihnen langsam von ein paar Mächtigen geraubt wird …